Perspektiven
Es wurde bewiesen, dass es sich bei einem evangelischen Gottesdienst um die Aufführung einer Inszenierung handeln muss. Dies wurde durch Vergleiche und Rückbezüge zu mehreren praktischen Beispielen und Theorien dargelegt.
Eine Inszenierung ist ihrer Natur nach in einen theatralen Kontext eingebettet. Da es nun, wie im Vorfeld exemplarisch belegt, schwierig war und ist, eine gängige Definition von Theatralität zu finden, bleibt die Frage offen, ob und inwiefern man, wenn die Rede von einem beispielsweise sonntäglichen Gottesdienst ist, von Theater oder Theatralität sprechen kann.
Es ist offensichtlich geworden, dass im Bereich der Gestaltung und Planung eines evangelischen Gottesdienstes Elemente zum Einsatz kommen, wie sie auch im Theater Verwendung finden: Die Gottesdienstordnung der evangelischen Landeskirchen beispielsweise wirkt auf den Außenstehenden wie der Probentext eines Theaterstücks.
Die Gliederung ist zweispaltig, außen stehen Anweisungen, die Rollennamen ähnlich sind, während auf der Innenseite so etwas wie Regieanweisungen und Sprechtext zu finden sind.
Die dort dargestellte Aufteilung in verschiedene Phasen erinnert an Szenen eines Theaterstücks, sie enthält sowohl Prolog als auch Epilog.
Die Durchführung eines Gottesdienstes an sich liegt in der Vorbereitung in den Händen des Pfarrers.
In seinem Ermessen liegt es, wie der Altar gestaltet ist, was inhaltlich vermittelt werden soll und wie letzten Endes sein Auftritt auszusehen hat. Auch ist er Derjenige, der den Küster anweist, was er zu tun und zu lassen hat.
Das erinnert im entfernten Sinne an kleinere Off-Theater, in denen manchmal einer der Schauspieler, also einer der Darsteller, zudem mit der Aufgabe der Regie betraut ist.
In den zuvor beschriebenen Phasen, insbesondere in der des Abendmahls, ist eine Allen bekannte Choreographie von Nöten, damit das Ganze in einem für alle Beteiligten angenehmen Rahmen ablaufen kann.
Diese muss durch ständige Wiederholung einstudiert werden. Wenn an dieser Stelle die Assoziation zu einer Theaterprobe auftritt, ist dies nicht verwunderlich.
Auch die Musik ist ein wichtiges Element. Zwar spielt sie keine übergeordnete Rolle wie beispielsweise der Predigttext in der Anrufung oder das Segenswort in der letzten Phase, doch hat sie, ähnlich dem Schauspiel, unterstützenden beziehungsweise betonenden Charakter.
Diese Aspekte, wie auch viele weitere, können nun mit den der Theaterwissenschaft zur Verfügung stehenden Möglichkeiten analysiert werden. Es handelt sich um Elemente einer Inszenierung, die gesondert betrachtet werden können.
Es ist möglich, sie aus der Perspektive der Fachdisziplin heraus zu beurteilen, ohne sich in Diskurse mit anderen Wissenschaften zur Klärung grundlegender Dinge begeben zu müssen.
Dadurch wird vermieden, dass der Wissenszugewinn durch solche Betrachtungen durch ermüdende Grundsatzdiskussionen zum Erliegen kommt, wie es beispielsweise auf der Tagung zur Findung eines Theatralitätsbegriffs der Fall war.
Des Weiteren eröffnet sich dadurch die Perspektive, nicht alles Theater nennen zu müssen oder theaterähnlich sehen zu wollen, um sich mit eben diesem Gegenstand beschäftigen zu können.
Es wäre wünschenswert, wenn der Theatralität anverwandte Begriffe, die ähnlich inflationären Gebrauch finden, aus den Köpfen der Theaterwissenschaftler verschwinden würden und man sich stattdessen wieder mit dem befasst, was eine Inszenierung ausmacht: der sinnlichen Erfahrung.
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