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Serie: Theater und Religion (02)

Politik als Inszenierung

Sieht man einmal von der durch Wirsing ausgedrückten Geringschätzung der gastgebenden Fachdisziplin ab, dann wird hier unbeabsichtigt ein weitaus größerer und bedeutenderer Themenkomplex angesprochen: es gibt bis heute keine eindeutige Definition des Begriffs Theatralität.

Kann man dennoch davon ausgehen, dass Theorien, Begrifflichkeiten und Sichtweisen der Theaterwissenschaft deswegen trotzdem auf andere Bereiche als das Theater anwendbar sind?

Ist es vertretbar, dass sich Theaterwissenschaftler auch mit anderen Gegenständen wie der Tagespolitik oder dem Gebaren eines Politikers beschäftigen und eine im wissenschaftlichen Diskurs um ein solches Thema von anderen Disziplinen respektierbare Meinung einnehmen können?

Erika Fischer-Lichte thematisiert dies ungefähr ein Jahr nach der zuvor zitierten Tagung in einem Vortrag, zu dem sie bezeichnenderweise vom Präsidenten des Niedersächsischen Landtags 1999 eingeladen wurde.

Im Rahmen eines Vortragsabends in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen trug sie vor(1), warum ein Theaterwissenschaftler sehr wohl in der Lage sei, anhand von zuvor gestellten Thesen und Definitionen einen Prozess zu analysieren, der vom Gegenstand her dem eigentlichen Fachgebiet fremd ist.

Das Thema dieses Vortrags lautet „Politik als Inszenierung“. Um eine für diesen Kontext verwendbare Herleitung des Begriffs „Inszenierung“ zu finden, referiert sie Thesen des Politologen Herfried Münker(2).

Dieser geht davon aus, dass inszenierte Politik gefährlich ist, und begründet dies mit zwei grundlegenden Thesen: Der so genannten „Manipulationsthese“ sowie der davon abhängigen „Irrelevanzthese“.

Die Manipulationsthese beschreibt prägnant die Gefahr, dass gegebene politische Macht aus Eigennutz missbraucht wird, sei es nun aus wirtschaftlichen oder ideologischen Gründen.

Die Irrelevanzthese elaboriert in Bezug darauf den Trend, dass im Zuge der in den letzten Jahrzehnten stark fortgeschrittenen Globalisierung ein Einbuße in Bezug auf die Bedeutung von lokalen und nationalen Politikern entstanden ist und diese Politiker sich daher dazu gezwungen sehen, ihre Person zu inszenieren, um die eigene Irrelevanz im internationalen Kontext vor der nationalen Öffentlichkeit nicht eingestehen zu müssen.

Anhand dieser beiden Thesen stellt Fischer-Lichte die Frage in den Raum, ob Inszenierungen von Politik respektive politischen Handlungen an sich eine Indikator dafür seien, dass unsere heute bestehende Demokratie in Gefahr ist, wenn sie nicht mehr wie in früheren Zeiten selbstbegründend sei.

Sie führt hierzu mehrere prägnante Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart vor und zeigt, dass Politik und politische Handlungen schon immer, mal mehr, mal weniger, Inszenierungen gewesen sind und sich daher auch mit den Methoden der Theaterwissenschaft untersuchen lassen.

Eine gefällige Anekdote dieses Vortrags ist, dass das Beispiel, mit dem sie letzten Endes den aktuellen Bezug herstellt, die Benennung Gerhard Schröders zum Kanzlerkandidaten der SPD des Leipziger Parteitags im April 1998 ist.

Eben jenes „hochgradigen Politikums“, dem Wirsing zugesprochen hatte, dass auf keinen Fall „in die Kompetenz von Theaterwissenschaftlern“ falle, dessen Auftreten in der Öffentlichkeit zu beurteilen.

Fischer-Lichte beweist an dieser Stelle auf äußerst logische wie auch charmante Weise, dass es mit den Methoden der Theaterwissenschaft möglich sein kann, auch der Fachdisziplin fremde Gegenstände zu analysieren.

Quellen

(1) Fischer-Lichte, Erika: Politik als Inszenierung. In: Schriftenreihe des Niedersächsischen Landtags zu Themen, die der Öffentlichkeit von Interesse sind. Heft 45. Hannover 2002.

(2) Frankfurter Allgemeine Zeitung. Münkler, Herfried: Ruhe auf den billigen Plätzen! Erziehung oder Unterhaltung? Im großen Polittheater sind nur noch Quoten die Währung, und die Inszenierung ist alles – bedeutet die Sache gar nichts mehr? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Juli 2001, Nr. 171, S.46

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